Eine Geschichte über den Tod

Es ist früher Morgen als ich aufstehe und mich gemeinsam mit den anderen leise anziehe. Wir sind am Hannoverhaus und wollen heute auf den Ankogel gehen. Um 5 Uhr früh ist aber niemand zu großen Worten aufgelegt und so läuft das Packen und Anziehen großteils schweigsam ab. Die Ruhe des Morgens legt sich wie ein samtiger Schatten auf uns. Wir setzen unsere Stirnlampen auf und treten unseren Weg in Richtung der Berge an, die wir zu dieser Stunde nur erahnen können. Am Wegweiser Richtung Ankogel zum Licht der ersten Sonnenstrahlen halten wir kurz inne.

Eine Gestalt kommt den Berg herunter. 1000 Gedanken schwirren durch meinen Kopf, die sich in die große Frage bilden: „Was macht dieser Mann um halb 6 Uhr morgens hier?“. Ein Teil in meinem Kopf will sich logische Antworten auf diese Frage geben, aber seltsam ist es doch. Ein kurzer Blick – er geht aufrecht, er ist nicht verletzt. So lange meine Gedanken gedauert haben, kommt er bereits auf uns zu. „Seid ihr von der Bergrettung?“, fragt er. Wir verneinen die Frage. „Sollen wir jemanden anrufen?“, frage ich. „Ja… bitte… die Bergrettung… mein Freund ist gestern Nachmittag abgestürzt… er ist tot… mausetot…“. Wie in Trance krame ich mein Handy heraus und wähle die Nummer der Bergrettung 140. Ich schildere in knappen Worten was mir der Mann gerade gesagt hatte und übergebe dann das Telefon. Er sagt es nochmal „wir wollten vom Gipfel absteigen, da ist er ausgerutscht und hinuntergefallen. Er ist tot…“, nach dem Gespräch gibt er mir das Telefon.

Das Hannoverhaus, von dem er und sein Freund letzten Tag aufgebrochen waren, ist bereits zu sehen und der Weg ist leicht und liegt klar vor ihm. Wir sagen ihm dass er es gleich geschafft hat. Nachdem er gegangen ist rufen wir noch den Hüttenwirt an und sagen ihm, dass ein Mann auf dem Weg zu ihm ist. Er hat die Nacht im Freien verbracht. Ein traumatisches Erlebnis gehabt.

Mit schweren Herzen gehen wir unseren Weg weiter, nicht klar was oder ob uns noch etwas erwartet. Die Bergrettung ruft mich ein paarmal an um zu fragen ob der Herr bereits in der Hütte ist. Wir rufen noch einmal dort an und sagen dann der Bergrettung Bescheid, dass er dort angekommen ist.

Der Hubschrauber der Bergrettung ist bald unterwegs und fliegt zuerst rund um den Berg und dann zur Hütte um vermutlich den Mann abzuholen, damit die Stelle eruiert werden kann. Ein mulmiges Gefühl auf so einen Berg zu steigen. Wir wissen nicht genau wo die Absturzstelle ist. Aber wir passen an diesem Tag besonders auf und sehen uns immer wieder um. Der Hubschrauber der Bergrettung fliegt zum Berg und bleibt eine zeitlang an einer Stelle. Wir vermuten der Mann wurde geborgen. Schnell gewinnen wir an Höhe und steigen weiter auf.

Kurz vor dem Gipfel sehe ich nach unten… „Das ist kein Stein…“, denke ich mir. Meine Bergkameraden haben nun auch die schwarze Silhouette erblickt. Nachdenklich sehen wir nach unten. Der Hubschrauber war vorher da. Aber er hat den Mann nicht abgeholt. Ruhig liegt er da. Circa 200m unter uns. Wie ein Mahnmal des Schicksals. Als wollte er sagen „Passt auf! Genau das könnte euch auch passieren!“, und was soll man sagen. Natürlich hat er Recht.

Am Gipfel angekommen packen wir das Gipfelbuch aus. Ihr Eintrag ist dort enthalten. Wir können nur erahnen wie sehr er sich gefreut hat endlich am Gipfel zu stehen, wie sie den Eintrag voller Stolz geschrieben haben. Gleich nachdem sie zum Abstieg aufgebrochen sind ist es dann wohl passiert. Er wird nicht mehr zurückkommen. Auch wenn sein Körper später von einem Polizeihubschrauber abgeholt wird. Seine Seele bleibt wohl in den Bergen. Zumindest hat es sich so angefühlt. Ich mache auch einen Eintrag ins Gipfelbuch. Danach treten wir den Abstieg an. Wir nehmen aber einen anderen Weg.

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When I die, plant flowers over my grave, so when they bloom, you can pick them and hold me again. (Witchy Woman)

 

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